New York, Boulder, Shenzhen, Tel Aviv, Zug – Technologie-Hubs gibt es auf der ganzen Welt. Doch keiner dieser Tech-Hubs erreichte in den vergangenen Jahrzehnten vergleichbare Größe und Einfluss, wie das Tal der Träume zwischen San Francisco und San José.

Doch woran liegt dies? Warum suchen immer mehr moderne Manager, Führungskräfte und Innovatoren in Zeiten der digitalen Transformation nach Antworten im Silicon Valley und nicht in New York? Warum regieren die großen Tech-Konzerne Google, Apple, Facebook, Microsoft und Amazon die welt nicht aus Boston, Amsterdam oder Berlin? In diesem Beitrag wollen wir der Frage nachgehen, was das Silicon Valley auszeichnet. Wir werfen daher einen kurzen Blick in die Entstehungsgeschichte des Silicon Valley, zeigen auf was das berühmte Silicon Valley Mindset ausmacht und was wir daraus lernen können. 

 

1. Was das Silicon Valley auszeichnet

Richard Florida, einer der weltweit bekanntesten Forscher der modernen Urbanität und Professor an renommierten Universitäten wie der US-amerikanischen Carnegie Mellon University, sowie der Harvard und New York University, suchte in den neunziger Jahren in seinen Forschungen nach einer Erklärung warum manche Regionen durch Innovationen wirtschaftlich prosperieren und zu Tech- und Innovation-Hubs aufsteigen, während andere mit Strukturwandel und Bevölkerungsschwund kämpften. Früh stellte sich heraus, dass die Innovations-Kraft einer Region auffällig mit der Homosexuellen-Population korrelierte. Überall dort, wo es eine gewachsene Homosexuellen-Szene gab, waren Firmen innovativer und damit erfolgreicher. Florida konzentrierte seine weiteren Forschungen auf die Beziehung von Kultur, Kreativität und wirtschaftlichem Wachstum und fand heraus, dass die moderne Wissensgesellschaft entscheidend von der “kreativen Klasse” profitiert: IT-ler und Software-Entwickler, Designer, Künstler, Architekten, sowie Menschen aus den Bereichen Medien, Sport und Bildung.  Florida kam zu dem Schluss, dass Kultur und Kreativität einen entscheidenden Einfluss auf den ökonomischen Erfolg einer Region haben. Und so banal es klingen mag: schönes Wetter, eine abwechslungsreiche Landschaft, gute Infrastruktur, abwechslungsreiche Restaurants und hippe Bars ziehen kreative Menschen magisch an.

 

Liegt die Erklärung des Aufstiegs des Silicon Valley also einzig und allein an diesem Faktor der Kreativität der Menschen? Sonne, interessante Bars und gute Infrastruktur gibt es schließlich in vielen anderen Regionen dieser Welt auch. Die Antwort liegt auf der Hand: natürlich reicht das Vorhandensein der kreativen Klasse allein nicht aus.

Die kreative und innovative Klasse benötigt für ihre wirtschaftliche Entwicklung den richtigen Nährboden: Technologie, Toleranz, Talent. Kurz zusammengefasst: ein gewachsenes Startup- und Innovation Ökosystem innerhalb einer Region, in dem unterschiedlichste Akteure wie ein Zahnrad ineinander greifen und sich gegenseitig fördern und fordern.

Doch ein solches vitales Ökosystem entsteht selten am Reißbrett. Entscheiden für unser Verständnis ist daher, dass wir uns die geschichtlichen Zusammenhänge vergegenwärtigen: Hierfür reisen wir zurück ins Kalifornien des 19. Jahrhunderts: Goldgräber aus dem ganzen Land zog es mehr oder weniger als Einzelkämpfer in die Region um Sacramento, San Francisco und die Wüste des Silicon Valley. Getrieben vom Traum nach dem schnellen Reichtum zog die Region einen ganz besonderen Schlag Menschen an: diejenigen die bereit waren, unter Verzicht und unter widrigsten Bedingungen hart zu arbeiten, um irgendwann in ferner Zukunft in Wohlstand zu leben. Auf dem Weg dahin war jedoch eines klar: man musste sich gegenseitig helfen, um zu überleben.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kamen dann die Ideen und Technologien: aus dem braunen, trockenen und kaum besiedelt halbwüsten Farmland des 18. Jahrhundert entwickelte sich getrieben durch die geographische Nähe zu Japan, der daraus resultierenden Gefahr eines Angriffs aus Fernost und durch das beispiellose Zusammenspiel von Universitäten (allen voran die Stanford University), vorausschauenden Wirtschaftsverbänden, dem Militär sowie engagierten Einzelpersonen ein perfekter Nährboden für Innovationen und erfolgreiche Unternehmensgründungen (Details zum Thema Startup- und Innovation Ökosystem, s. Blogbeitrag “Ideas, Talent, Capital! Wie das Silicon Valley Ökosystem funktioniert” und zur geschichtlichen Entwicklung, s. “History! Die Entstehungsgeschichte des Silicon Valley”).

 

Wir halten nochmal fest: Die Besonderheiten des Silicon Valley erklären sich aus dessen geschichtlicher Entwicklung: erst die Goldgräber, dann das Militär und ein starkes Zusammenspiel von Wissenschaft, Wirtschaft und Militär waren entscheidend. Es bildete sich ein vitales “Startup & Innovation Ökosystem” aus. Die gute Infrastruktur und das Wetter führten zum Zustrom der kreativen Klasse aus der ganzen Welt: Technologie, Toleranz und Talent bedingen sich gegenseitig.

 

2. Das Silicon Valley Mindset

Doch was zeichnet das viel zitierte Silicon Valley Mindset aus? Aus diesen Faktoren, also dem Vorhandensein einer kreativen Klasse, der besonderen Mentalität der Menschen und dem geschichtlich begründeten fördernden Startup und Innovation Ökosystem, entwickelte sich das, was wir heute als „Silicon Valley Mindset“ bezeichnen:

Dieses besondere Mindset zieht sich wie ein roter Faden durch Biografien der Menschen, Jahresziele der Unternehmen und unterschiedlichste Lebensbereiche. Menschen begreifen das Scheitern als neue Chance, sind offen gegenüber kreativ-verrückten Ideen, anderen Kulturen und disruptiven Technologien, geben bevor sie nehmen (pay-it-forward) und gründen, um eine Delle ins Universum zu schlagen:

  • Kommunikation und Mentalität: “How are you doing?” ist allgegenwärtig – für Europäer anfangs irritierend, aber natürlicher Bestandteil der harmoniefokussierten Kommunikation. Ob im Supermarkt oder beim joggen: man hilft und vertraut sich gegenseitig. Pay-it-forward: ich tue etwas für dich ohne eine Gegenleistung zu erwarten, erwarte aber, dass auch du jemandem anderen helfen wirst. Direkt, rasant – aber stets mehr als höflich und nie negativ. Gut existiert zwar im Sprachgebrauch, heißt aber mittelmäßig – sei daher lieber awesome! Erfolg ist das Resultat guter Arbeit. Scheitern ist die Chance auf einen Neubeginn.

 

  • Bildung und Karriere: Beginnt im Kindergarten. In den Sommerferien in Summer Schools zu lernen ist Bestandteil der Ferien. Universitäten sind bei Absolventen wie eine Familie: man trifft sich und schätzt sich gegenseitig mit Stolz. Aber auch Drop-Outs oder Menschen ohne Abschluss können alles erreichen. Wer ein eigenes Unternehmen gründet ist Rockstar, wer bei einer großen Bank arbeitet gilt als jemand, der hinter seinen Möglichkeiten zurück bleibt. Startup-Unternehmer träumen nicht vom Aufbau eines Familien-Betriebs, sondern vom frühen Exit. Nicht um dann auf den Bahamas die Sonne zu genießen, sondern gerade um mit dem Erlös weitere Unternehmen zu gründen und (nicht: oder!) zugleich in Startups und neue Technologien zu investieren. Ob Angestellt oder als Unternehmer: Arbeit ist kein Selbstzweck, sondern dient eine übergeordneten Mission. Die Welt verbessern zu wollen ist keine Spinnerei, sondern ein ambitioniertes (und aus europäischer Sicht oftmals auslegungsbedürfgtiges) Ziel.

 

  • Arbeitsweise: Build, measure, learn. Silos suck. Hierarchien sind erarbeitet oder nicht vorhanden. Berufszweige sind durchlässig: was zählt sind Talent und Engagement. Du bist “Du” und nicht “Sie”, “Herr Dr. Meier” oder der Geschäftsführer. Egal wer du bist und wofür du zuständig bist: deine Ideen sind willkommen. Neun weniger gute sind die Voraussetzung für eine erstklassige. Teams sind divers. Neugier ist wichtiger als Erfahrung. Man öffnet sich daher für Serendipität, d.h. man provoziert dass Zufälle geschehen. Ideen kommen, wenn sie kommen: keine festen “Arbeits”zeiten, kein festgefahrenen Arbeitsroutinen. Zivilgesellschaftliches Engagement zählt: wenn etwas fehlt, packt man es an ohne nach dem Staat zu rufen.

 

  • Startup-Gründer: Wachstum ist wichtiger als Profitabilität. Nur der Weltmarkt ist groß genug. Wer Investments mit nach Europa nehmen will ohne ein Standbein in den USA aufbauen zu wollen, fährt mit leeren Händen zurück. Früherer Erfolg (man nennt es “Track-Record”) in Europa ist bedeutungslos. Unternehmen eigenfinanziert aufgebaut zu haben gilt nicht als nobel, sondern naiv. Geschäftsmodelle und Zahlen sind zweitrangig. Was zählt ist die Vision der Idee – money follows your vision! Dein “Network” entspricht deinem “Net-Worth” als Unternehmer. Man spricht über seine Ideen, denn die Idee ist wertlos und “Execution is king”. Wer lügt, fliegt – aber man artikuliert sein Selbstvertrauen und skizziert eher die Zukunft, als die Realität. Networking-Events gleichen Sportveranstaltungen: einfach, aber effizient, schnelllebig, anstrengend, aber effektiv.

 

3. Transfer – Was wir von den Innovations-Weltmeistern lernen können

In Gesprächen mit Politikern, Interessenvertretern und Unternehmen habe ich oftmals das Gefühl, wir Europäer wollten das Silicon Valley mal eben nachbauen. Man pilgert an die Westküste der USA, badet im Bällebad bei Google, macht ein Selfie vor dem Apple Logo, besucht zwei Startups und reist zurück nach Deutschland. Euphorisiert berichtet man Kollegen, doch von Tag zu Tag sinkt der Glaube, dass wir Europäer das auch können. Man funktioniert Besprechungsräume zu “Open Spaces” um – aus weiß und steril wird bunt und agil. Und dann geschieht leider viel zu oft nichts. Vielleicht erinnert sich noch an dieses “Ökosystem-Thema” und dessen Bedeutung für die Entwicklung des Silicon Valley, beauftragt die Marketing-Agentur damit Hackathons im eigenen Unternehmen zu veranstalten und ruft ein Ideen-Wettbewerb für die eigenen Mitarbeiter aus. Die Erwartung: wenn wir die Garage öffnen, werden die Kreativen schon kommen. Doch leider wird oftmals verkannt, dass das Silicon Valley über Jahrzehnte gewachsen ist, auf Kooperation beruht und ein Okösysthem so stark wie sein schwächster Partner ist.

Doch wie lautet die Lösung? Nunja, eigentlich haben wir alles was wir brauchen um unser eigenes Silicon Valley im Unternehmen oder einer Volkswirtschaft zu bauen: Wissenschaft, Forschung, Hochschulen und Universitäten, Menschen mit Ideen, Unternehmensgründer. Fähige Politiker, ein funktionierendes Rechtssystem frei von Korruption und Vetternwirtschaft. Eine starke Demokratie, rücksichtsvolle und zuvorkommende Menschen, Bildung für jeden und ein System der sozialen Sicherung. Doch was fehlt uns? Mein persönlicher Eindruck ist, dass uns vor allem eines fehlt: der Mut, einfach mal zu machen, neues zu wagen und die Zukunft aktiv mitgestalten zu wollen: build, measure, learn and then repeat. Und das gemeinschaftlich: Wissenschaft & Forschung, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft – wir müssen uns mehr trauen, und auch einmal (berechtigt) Stolz auf das sein, was wir haben. Wir müssen Wissenschaft & Forschung, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft stärker miteinander zu einem “Startup & Innovation Ökosystem” vernetzen, Technologie-Transfer in Wissenschaft und Wirtschaft fördern und der Zukunft die Chance geben noch besser zu sein als die Vergangenheit und Gegenwart. Klingt komplex? Ja! Ist es einfach? Nein! Der erste Schritt jedoch ist ganz nah: be the change you wish to see in the world.

Beste Grüße

Philip Mertes & das Silicon-Valley-Tour.de Team

 

P.S.: Ein guter Sales-Man sollte seinen Blog-Beitrag jetzt mit einem klaren Sales-Call-to-Action beenden. Wir finden das in diesem Kontext als albern, denn Sie wissen, dass Sie diesen Blogartikel auf silicon-valley-tour.de lesen. Lassen Sie uns lieber über das Thema diskutieren: wir würden uns daher freuen, wenn Sie uns ihre Ansicht, Anregungen, Erfahrungen und Fragen zukommen lassen.

P.P.S.: Wir wollen gemeinsam der Frage nachgehen, was das Tal südlich von San Francisco so einzigartig erfolgreich macht und wie auch wir die Silicon-Valley-Mentalität mit unseren eigenen Stärken kombinieren können. In unserem Medienformat “Inside Silicon Valley” teilen wir unsere Eindrücke, Konzepte und Erfahrungen aus den Innovation-Hotspots dieser Welt auf Facebook, LinkedIN & Instagram. Folgen Sie mir gerne auch persönlich auf meinem LinkedIN-Profil – ich freue mich, Sie kennenzulernen.